Crowdsourcing – oder warum die Zukunft der Masse gehört

Jeff Howe erläutert in seinem BuchCrowdsourcing – Why the Power of the Crowd is driving the Future of Business wie sich Crowdsourcing entwickelt hat und zeigt sich nahezu euphorisch was die Möglichkeiten von Crowdsourcing anbelangt.

Die Anfänge von Crowdsourcing

„Crowdsourcing had it’s genesis in the open source movement in software.“

Jeff Howe

Damit sprach Howe das von Linus Torvalds 1991 entwickelte Betriebssystem Linux an, ein offenes, modular aufgebautes Betriebssystem, dass noch immer von Softwareentwicklern auf der ganzen Welt laufend verbessert wird. In seinen Grundzügen war es eines der ersten Crowdsourcing Projekte, da es kein geschlossenes System war, sondern Modifizierungen von Dritten zuliess.

Der Siegeszug von iStockphoto

Eine weitere, von Howe häufig zitierte Erfolgsgeschichte ist iStockphoto, heute besser bekannt als iStock. Bruce Livingstone, Gründer von iStockphoto, hat einen Meilenstein in der Geschichte der Stock-Fotografie gesetzt, als er im Jahr 2000 eine Webseite für den kostenlosen Austausch von Fotos ins Leben rief. Ursprünglich war die Seite dazu gedacht, Stockfotos unter befreundeten Designer auszutauschen, da normalerweise mehrere hundert Dollar für Stockfotos bezahlt werden mussten. Schnell hat sich um iStockphoto eine Community von Amateurfotografen und Designern entwickelt und Livingstone konnte sogar anfangen, kleine Beträge für die Fotos zu verlangen, von welchen ein Teil an den Fotografen und ein Teil an Livingstone selber ging. Das Ganze entwickelte sich so rasant, dass die Mikrostock-Seite bald zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die grossen Stock-Agenturen wurde. Als Resultat dieser rasanten Entwicklung konnte Livingstone iStockphoto 2006 für $ 50 Mio. an Getty Images, eine klassische Bildagentur, verkaufen. Dies zeigt eindrücklich, dass eine gesamte Branche innerhalb von wenigen Jahren komplett auf den Kopf gestellt wurde. Dies ist zurzeit der Publikation von Jeff Howe’s Buch (2009) wohl einer der grössten Erfolge eines Crowdsourcing-Projektes.

10 Regeln für erfolgreiches Crowdsourcing

Howe liefert in seinem Buch ein 10-Punkte Regelwerk, dass bei der Erstellung von Crowdsourcing-Projekten unbedingt beachtet werden sollte:

No. 1 – Pick the Right Model

Es gibt vier verschiedene Arten von Crowdsourcing und man sollte weise entscheiden, welche Art am besten geeignet ist. Howe unterscheidet zwischen Collective intelligence, Crowd creation, Crowd voting und Crowdfunding. Jede dieser Arten hat seine Vorteile. Z.B. wenn es um die Lösung von komplexen Problemen oder Vorhersagen (Collective intelligence) oder um das Kreieren von neuen Inhalten wie z.B. Logos, TV-Werbung oder Übersetzungen (Crowd creation) geht. Auch die Bewertung von Informationen (Crowd voting), wie es Google macht, ist eine verbreitete Form und nicht zuletzt wenn die Finanzierung von Projekten durch die breite Masse (Crowdfunding).

No. 2 – Pick the Right Crowd

Sowie das richtige Model entscheidend ist, so ist auch die Wahl der Crowd massgebend. Es bringt nichts, wenn man eine grosse Menge von Leuten anspricht, die aber für das Projekt nicht die benötigte Leidenschaft aufbringen. Es hätte beispielsweise keinen Sinn für eine Open Source Software eine Fashion Community aufzubauen. Obwohl es sicher bei den einen oder anderen Individuen Interessensüberschneidungen geben würde.

No. 3 – Offer the Right Incentives

Howe schreibt, dass es wichtig ist, die Interessen der Crowd zu verstehen und entsprechend Belohnungen anzubieten. Intrinsische Faktoren sind sicher erstrangig bei solchen Projekten, aber man sollte die Macht extrinsischer Belohnungen nicht unterschätzen.

No. 4 – Keep the Pink Slips in the Drawer

Mit „Pink Slips“ spricht Howe Entlassungen an, die man vermeiden sollte, auch wenn die Crowd einen beträchtlichen Teil der Arbeit kostenlos übernimmt und dazu verleiten könnte weniger Mitarbeiter zu beschäftigen. Es gibt andere Aufgaben die Mitarbeiter übernehmen müssen, um die Community bei der Stange zu halten.

No. 5 – The Dumbness of Crowds, or the Benevolent Dictator Principle

Jede Community braucht einen Leader. Howe spricht hier einen wohlwollenden Diktator an, welcher der Community eine Richtung weist und sie inspiriert. Aber niemals sollte man meinen, dass man der Community etwas vorschreiben kann, wie Regel Nr. 9 zeigt.

No. 6 – Keep It Simple and Break It Down

Die Aufgaben, die man zur Verfügung stellt, sollen möglichst klein sein. Dies aus dem Grund, dass die meisten Mitglieder einer Community ihre Freizeit opfern und nicht jeder gleich viel Freizeit zur Verfügung hat. Manche haben nur 10 Min. andere mehrere Stunden pro Tag. Das Ziel bei Crowdsourcing Projekten ist aber, dass möglichst viele Personen teilnehmen können und deshalb sollen die Aufgaben so klein wie möglich gestaltet werden.

No. 7 – Remember Sturgeon’s Law

Theodore Sturgeon sagte einst: „90 percent of everything is crap“. Also 90% von allem was in Projekten von der Crowd übermittelt wird, kann nicht verwendet werden.

No. 8 – Remember the 10 Percent, the Antidote to Sturgeon’s Law

Regel Nr. 7 soll uns nicht zum Verzweifeln bringen, den es gibt ja noch die restlichen 10% die brauchbare Inhalte darstellen. Und Howe schlägt vor, dass man es auch der Community überlassen sollten, die besten und schönsten Diamanten zu finden – den darin ist die Crowd auch überragend.

No. 9 – The Community’s Always Right

Diese Regel macht einen Link zu Regel Nr. 5. Die Community braucht eine führende, inspirierende Hand, aber schlussendlich setzt sie immer durch was sie möchte.

No. 10 – Ask Not What the Crowd Can Do for You, but What You Can Do for the Crowd

Personen beteiligen sich nur an einer Community, weil sie erwarten, dass ein Bedürfnis gestillt wird. Falls dieses Bedürfnis nicht gestillt wird, dann werden sie die Community auch wieder verlassen. Also gibt man der Community, nach was sie verlangt.

Beachtet man diese 10 Regeln von Howe, dann stehen die Chancen gut, dass ein Crowdsourcing Projekt auch erfolgreich wird.

Crowdsourcing heute

Seit der Publikation des Buches sind 8 Jahre vergangen und der Erfolg von Crowdsourcing nimmt in weiteren Branchen Form an und beweist, dass Howe’s Euphorie doch ihre Berechtigung hatte.

Tesla ist das neue Apple

Als jüngstes Beispiel möchte ich hier Tesla’s Model 3 in den Raum stellen. Elon Musk hat es geschafft, von der Presse als der neue Steve Jobs gefeiert zu werden. Tesla ist das neue Apple, da die Innovationskraft von Apple in den letzten Jahren doch sehr zu wünschen übrig lässt. Mit der Bekanntmachung von Model 3, dem neusten Elektroauto von Tesla, ist es Musk gelungen, ein breites Publikum von Autofans anzusprechen. Denn das neuste Model von Tesla ist mit einem voraussichtlichen Verkaufspreis von $ 42’000 für eine breite Masse erschwinglich, im Gegensatz zu den anderen Modellen von Tesla.

Eine grosse Tesla Fan-Community

Innerhalb kürzester Zeit sind über 325’000 Vorbestellungen für das neue Modell bei Tesla eingegangen. Das entspricht einem potenziellen Umsatz von ca. $ 14 Milliarden. Aber weit aus interessanter ist die Tatsache, dass Tesla für jede Vorbestellung eine Gebühr von $ 1’000 erhoben hat und somit schlagartig über $ 325 Millionen eingenommen hat, welche nun für die Entwicklung und Produktion von Tesla’s Modellen und Fabriken eingesetzt werden können. Durch die verhältnismässig kleine Gebühr nutzte Tesla das Prinzip des Crowdfundings um sich über die Fans von Tesla Kapital zu beschaffen. Und dies funktionierte in beispielloser Manier.

Riesige Erfolge

Zwei weitere Beispiele sind die beiden Crowdfunding Plattformen Indiegogo.com und Kickstarter.com, die 2008 bzw. 2009 gegründet wurden. Genau zu dieser Zeit veröffentlichte Howe sein Buch und es scheint so, dass diese beiden Firmen, damals noch Startups, nicht bemerkt oder als nicht erwähnenswert erachtet wurden. Beide Plattformen haben enormen Erfolg verzeichnet in den vergangenen Jahren. Kickstarter.com hat beispielsweise über 90’000 erfolgreich finanzierte Projekte und ein Volumen von über $ 2 Mia. zugesicherter Unterstützung (einschliesslich nicht erfolgreich finanzierter Projekte). Diese Werte werden in den kommenden Jahren ganz klar noch weiter ansteigen und sie zeigen das Potenzial auf, welches durch eine vernetzte, globale Gesellschaft (Howe nennt sie „The Billion“ in Anlehnung, dass 2008 rund 1 Milliarde Menschen Interzugang hatten. Heute müssten wir eher von „The Three Billions“ sprechen.) erreicht werden kann. Wir müssen uns mit einer neuen Art von Konsument vertraut machen.

„As a result the „consumer“, as traditionally conceived, is becoming an antiquated concept.“

Jeff Howe

Howe bezieht dies in seinem Buch auf den Produktionsprozess, an welchem der Konsument immer mehr teilnehmen wird. Auch bekannt unter dem Begriff „Prosumer“.

Die Zukunft von Crowdsourcing

Der Konsument wird meines Erachtens immer weiter in alle Bereiche vordringen, welche bis vor kurzem noch die Spielwiese von Unternehmen waren. Der moderne Konsument wird sich an Unternehmen beteiligen, wird die Funktion von Banken übernehmen und Projekte finanzieren und im Gegenzug erhält der Konsument die Möglichkeit an der Produktentwicklung (Innocentive)  teilzuhaben, über das Design zu entscheiden, oder das Design der Produkte selber zu entwerfen (99designs). Die Vermarktung der Produkte wird nicht mehr über die klassischen Marketingkanäle funktionieren, sondern über die sozialen Netzwerke der Konsumenten, die ja auch die Produktentwickler, Geldgeber und Inhaber der Produkte sind. Der Begriff „Consumer“ oder auch „Prosumer“ trifft es also nicht mehr ganz. Mein Vorschlag wäre „Contribumer“, da der zukünftige „Consumer“ gleichzeitig auch bei verschiedensten Produkten „Contributer“ ist, egal ob in finanziellen, kreativen oder wissensbedingten Aspekten.

Die negative Seite

Andrew Keen hat in seinem Buch „The Cult of the Amateur“ geschrieben:

„As I write, there is a brutal war going on in Lebanon between Israel and Hezbollah. But the Reddit user wouldn’t know this because there is nothing about Israel, Lebanon, or Hezbollah on the site’s top twenty ‚hot‘ stories. Instead, subscribers can read about a flat-chested English actress, the walking habits of elephants, and underground tunnels in Japan. Reddit is a mirror of our most banal interests.“

Andrew Keen

Jeff Howe geht in seinem Buch nur kurz auf die negativen Aspekte von Crowdsourcing ein und bezieht sich stark auf die Aussagen von Andrew Keen. Ich hätte es begrüsst, wenn Howe dieser Seite der Medaille noch mehr Aufmerksamkeit gewidmet hätte.

Was denkt Ihr? Befinden wir uns auf einem Weg, in dem unsere Gesellschaft immer oberflächlicher und dümmer wird?

Informationen zum Buch:

Jeff Howe (2008/2009): Crowdsourcing – Why the Power of the Crowd is driving the Future of Business

Buch-Cover

Quellen:

Jeff Howe (2009): Crowdsourcing – Why the Power of the Crowd is driving the Future of Business, Ex Libris, 311 Seiten, ISBN 978-0-307-39621-1, Fr. 19.50

Anzahl Internetnutzer, Statisika: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/186370/umfrage/anzahl-der-internetnutzer-weltweit-zeitreihe/

Pink Slip Erläuterung: http://www.investorwords.com/3702/pink_slip.html

Beispiele für Crowdsourcing, Wethinq: https://www.wethinq.com/en/blog/2014/08/12/39-Great-Crowdsourcing-Examples.html

Tesla Bestellungen, Khaleejtimes.com: http://www.khaleejtimes.com/business/auto/teslas-model-3-gets-over-325000-orders

Informationen über Kickstarter: https://de.wikipedia.org/wiki/Kickstarter.com

Informationen über Indiegogo: https://de.wikipedia.org/wiki/Indiegogo

Andrew Keen (2008): The Cult of the Amateur, Ex Libris, 236 Seiten, ISBN 978-0-385-52081-2, Fr. 17.50

Buch-Cover: http://www.amazon.de/Crowdsourcing-Power-Driving-Future-Business/dp/0307396207

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