Wir jammern uns glücklich

Morgens halb zehn in der Schweiz. Es ist Zeit für einen Kaffee und ein Gespräch mit den Arbeitskollegen. Man hat es nach ca 1.5 Stunden harter Büroarbeit wirklich verdient, sich für ein paar Dutzend Minuten im Pausenraum zu erholen und den harten Büroalltag hinter sich zu lassen.

Die Arbeit zerrt nach 1.5 Stunden schon sehr am Gemüt und es tut gut unter Gleichgestellten ein bisschen Frust abzulassen. Denn es gibt sehr viele Dinge, die das zarte Wesen eines Büroangestellten belasten können und das sollte man auf keinen Fall lange ertragen, wer weiss, was alles passieren könnte: Kopfweh. Kalte Hände. Schweiss. Langeweile. Zuckende Muskeln. Juckende Stellen. Dies sind Anzeichen, dass es dem Büroangestellten nicht gut geht und etwas gemacht werden muss. SOWEIT DARF ES UNTER KEINEN UMSTÄNDEN KOMMEN!

Der aufmerksame Büroangestellte merkt frühzeitig, dass er sich eine Pause gönnen und zusammen mit seinen Arbeitskollegen jammern muss. Man trifft sich idealerweise in einem Raum mit einer Kaffeemaschine. Oft auch Pausenraum oder Cafeteria genannt.

Sobald sich alle Anwesenden einen Kaffee oder Tee (also es sollte schon ein Heissgetränk sein) zubereitet haben, kann es mit dem Jammern losgehen. Gleichzeitiges Sprechen bringt allerdings selten den gewünschten Erfolg, deshalb sollte es demjenigen mit den grössten Sorgen erlaubt sein, zuerst zu sprechen. Man könnte es auch das unausgesprochene Jammergesetz nennen.

Es beginnt

Sind die Grundsteine gelegt, fängt der Erste an zu jammern. Hier werden der persönlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Man jammert über die Kunden, die Chefs, die anderen Angestellten (natürlich nur über diejenigen, die gerade nicht auch im Jammertal sind), das Wetter, das eigene Team, den eigenen Job, der Job der Anderen, der Job eines Fremden, das Geld, welches man nicht besitzt, die Ungerechtigkeit der Welt, die hohen Preise im Supermarkt, die unfreundliche Bedienung im Restaurant, das schlechte TV Programm, die hohen Preise im Urlaub, der zu kurze Urlaub, die Rechnungen usw.

Natürlich spricht der geübte Jammerer nicht über all diese Dinge, dies würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen und man will den geschätzten Kollegen auch noch die Gelegenheit geben, um sich entsprechend zu äussern. Der gegenseitige Respekt unter Jammern ist sehr gross und ein wichtiges Element für ein funktionierendes Zusammenleben im Jammertal. So spricht jeder in der Gruppe.

Fortgeschrittene Gruppen erkennt man daran, dass die Mitglieder oft über das gleiche Thema jammern, da man einen gemeinsamen Nenner gefunden hat. Dies spart der ganzen Gruppe viel Zeit, da nur über ein Thema gesprochen werden muss und führt so zu einer massiv höheren Erholungserfolgsbilanz während der kurzen 30-45 minütigen Pause. Das ist deshalb enorm wichtig, da die ganze Gruppe nach der Pause an den Arbeitsplatz zurückkehren und für weitere 1.5 Stunden das Leid der Arbeitswelt ertragen muss.

Ein eingespieltes Team

Sobald der zweite Teil des morgigen Arbeitsalltags auch überstanden ist, trifft man sich erneut, um an den gemeinsam erarbeiteten Ergebnissen von der Kaffeepause anzuknüpfen. Das ist ein wichtiges rituelles Verhalten, um sich gegenseitig abzusichern, dass das angesprochene Thema eine relevante Bedeutung für die Mehrheit der Gruppe hat. Falls nicht, wird dies automatisch während der Mittagspause angepasst und ein neues Thema wird auserkoren.

Die Mittagspause bietet den Jammern die Gelegenheit sich an Orten ausserhalb des Unternehmens zu treffen. Das ist insofern wichtig, da es während der Kaffeepause immer zu den sehr unangenehmen Situationen kommen kann, dass jemand dazu stösst, über dessen Job, Arbeit oder Haarschnitt man gerade lästert. Für ungeübte Jammerer kann dies eine überaus stressige Situation ergeben, da die Jünglinge die geeigneten Reaktionsmuster noch nicht konditioniert haben. Das richtige Verhalten können sie aber bei ihren älteren Leitjammern abschauen und das nächste Mal versuchen anzuwenden.

Diese Gefahr ist in der Mittagspause, sofern diese ausserhalb der Bürogefangenschaft verbracht wird, um einiges kleiner und das Jammerrudel kann es sich während 1-1.5 Stunden so richtig gut gehen lassen. Diese Erholungsphase hat auch einen merklichen Einfluss auf die erste halbe Stunde nach der Mittagspause, hier ist selten ein Stöhnen, Ächzen oder Fluchen zu hören. Das ist wahrlich ein Zeichen, dass sich die Situation ein bisschen entspannt hat. Dies wäre der ideale Zeitpunkt, um neue Arbeit an das Rudel zu verteilen. Aber aufgepasst! Zusätzliche Arbeit verkürzt die Ruhe der ersten halben Stunde um sicher 50%, so sollte man die Strafverteilung auf die letzten 5 Minuten der Ruhephase einplanen.

Das Ende naht

Logischerweise wird das Ritual des Morgenkaffees auch am Nachmittag wiederholt. Jammerer sind sehr darauf bedacht Tagesabläufe gleich zu gestalten und die Phasen der Hochbelastung möglichst kurz zu halten. Auf den Ablauf des Nachmittagskaffees müssen wir deshalb hier nicht weiter eingehen, da er ein Abbild seines morgendlichen Zwillings ist.

Jedoch die Phase kurz vor Arbeitsende ist es wert näher betrachtet zu werden. Eine halbe Stunde bevor der Arbeitstag zu Ende geht, nimmt man merklich eine Unruhe in den Reihen des Rudels war. Instinktiv wissen sie, dass es Zeit wird den Bürotisch aufzuräumen, Tassen zu versorgen oder auch abzuwaschen. Auch wird oft noch ein Gang zu Toilette eingelegt, denn niemand will den Heimweg mit einer vollen Blase antreten. Auch suchen die Jammerer zu dieser Tageszeit ihre Gefährten, um zu prüfen, ob auch diese die Tassen gesäubert und den Tisch aufgeräumt haben. Allenfalls übrig gebliebene Zeit wird doch mit Magazinen oder Zeitschriften totgeschlagen, bis dann um Schlag 17.00 Uhr ein wahres Naturschauspiel stattfindet. Gleichzeitig aus allen Büroräumlichkeiten stürmen die Jammerer hinaus, um sich im Gang im Rudel zu versammeln und gemeinsam Richtung Ausgang zu marschieren. Es ist ein sehr stolzer Marsch und man spürt wie die Zufriedenheit des Rudels. Dies wird unter anderem auch deutlich durch die Zurufe in andere Büros.

Die Jammerer wünschen einen schönen Abend!

*** VORSCHAU ***
In der nächsten Ausgabe schauen wir uns das Leiden der Montagsarbeiter an.

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